In der March und im Weltall gleichermaßen heimisch

Heute feiert der Physiker Karl Rawer in Hugstetten seinen 95. Geburtstag / Vater zweier weltweit angesehener Forschungsinstitute

Von unserer Mitarbeiterin Barbara Schmidt
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Ein erfülltes Leben als Forscher und Familienvater: Der Physiker Professor ...mehr
MARCH-HUGSTETTEN. Die Atmosphäre ist seine Welt. Und in der kennen sich nur wenige so gut aus wie Professor Karl Rawer. Der international bekannte Physiker und einstige Weltraumforscher ist aber alles andere als ein abgehobener Wissenschaftler. Heute feiert er in Hug-stetten seinen 95. Geburtstag.

Rawer stammt aus dem Saarland, lebt aber schon seit 1946 in der March. Er hat damals im Neuershausener Schloss für das dort einquartierte französische Militär gearbeitet. "Ich war damals ein Spezialist und wurde von den drei Westmächten vernommen" , erzählt er. Da hatte er sein Physikstudium in München und die Promotion schon in der Tasche.

Als Rawer 1913 geboren wurde, stand noch der Erste Weltkrieg vor der Tür. Er erinnert sich an die Fliegerangriffe und an Offiziere, die in seinem Elternhaus Quartier nahmen. Der Sohn eines Zahnarztes — seine Brüder sind später alle Ärzte geworden — hat das Weltgeschehen zeitlebens aufmerksam verfolgt. "Mein Lebensweg ist eng mit der politischen Entwicklung in der Welt verknüpft" , sagt er im Rückblick.

Sein Fachgebiet als Wissenschaftler war die Ausbreitung von Radiowellen in der Ionosphäre, in den Luftschichten in 100 bis 300 Kilometern Höhe. Dort oben werden die kurzen Wellen reflektiert und mit weniger Energie übertragen als Langwellen am Boden. Amateure hätten die Kurzwellen-Übertragung als erste ausprobiert, erzählt Rawer, "damit hatten die Langwellen ausgedient" . Die Kurzwellenübertragung sei aber vom Sonnenstand und von anderen Faktoren abhängig, erklärt er. Deshalb waren genaue Vorhersagen, wie er sie machen konnte, für das deutsche Militär so interessant — und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch für andere.

Rawer leitete den Funkberatungsdienst in Neuershausen und lehrte nebenbei an der Universität Freiburg. Mitte der 50er Jahre wurden die Radiowellen-Experten dann, so schildert er, "einer ziemlich überraschten Bundesregierung" übergeben. Fortan arbeiteten sie im Ionosphäreninstitut bei Breisach unter der Flagge der Deutschen Bundespost. Knapp 20 Jahre später schied Rawer als Leiter aus dem Institut aus, um das Fraunhofer-Institut für physikalische Weltraumforschung in Freiburg aufzubauen.

Rawer hat physikalische Messmethoden entwickelt und Theorien aufgestellt, obwohl er beinahe Mathematiker geworden wäre, wie er erzählt: "Ich habe nach dem Abitur erst drei Semester Mathematik in Freiburg studiert" . Dann entschied er sich doch für die Physik und lässt auch nach der Pensionierung 1980 nicht von ihr ab. Rawer ist im Committee on Space Research (kurz: Cospar) und gilt als Vater der Internationalen Referenz-Ionosphäre. "Das ist ein Projekt, das eine Art Standardatmosphäre beschreibt" , erklärt er.

Die Anfänge von Cospar gehen auf das erste Internationale Geophysikalische Jahr 1957 zurück, das Rawer mit vorbereitet hat. "Der Kalte Krieg hat sich damals in allen Bereichen abgespielt, das behinderte auch die Zusammenarbeit der Wissenschaftler" , sagt er. Die Russen hätten damals selbst ihre Wetterdaten unter Verschluss gehalten. Erst das Geophysikalische Jahr habe die Türen für die Wissenschaft wieder einen Spalt geöffnet. "Alle außer China haben mitgemacht" , freut er sich bis heute über den Erfolg.

Im selben Jahr wurde er Professor an der Sorbonne und pendelte künftig zwischen Paris und der March. Der humorvolle Mann erwähnt nicht einmal, dass er Ehrendoktor ist und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Stattdessen erzählt er lieber von einem ehemaligen Mitarbeiter, dessen "Gerät jetzt vor zwei Wochen auf die Raumstation gebracht worden ist" .

Der Vollblutwissenschaftler ist aber auch Familienmensch: Er war 67 Jahre mit seiner Frau Waltraud verheiratet, bis sie vor zwei Jahren gestorben ist. Zusammen hatten sie sieben Kinder, 19 Enkel und fast genauso viele Urenkel. "Ich genieße meine große Familie" , sagt der Pensionär, der noch in seinem Haus in Hug stetten wohnt, das er 1952 gebaut hat, und wo er gerne im Garten arbeitet.
 Badische Zeitung vom 19.04.2008

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